Rückblick... GRÜNDUNGSVIERTEL: NACH DEM WETTBEWERB – VOR DEM BAUEN

Wie ist die angestrebte Qualität für das Gründungsviertel umsetzbar?
   
Am Donnerstag, den 3. September veranstaltete das Lübecker ArchitekturForum in der Aula der VHS Lübeck eine Podiumsdiskussion zum Lübecker Gründungsviertel.

Teilnehmer:
Uli Helwig, Hamburg, ehemals IBA Hamburg-Wilhelmsburg
Rainer Nagel, Bundesstiftung Baukultur, Potsdam
Klaus Petersen, Architekt und Preisrichter, Lübeck
Dr. phil. Jürgen Tietz, Journalist, Berlin
Thomas Will, Dresden, ehemaliges Gestaltungsbeiratsmitglied, Preisrichter
Moderation: Dr. Volker Zahn

Nach dem Ergebnis des auch über die Grenzen Lübecks hinaus vielbeachteten Architekturwettbewerbes zum Gründungsviertel steht nun in Kürze die Vergabe der Grundstücke bevor. Nach einer knapp 50jährigen Zeit der Überbrückung durch die Nachkriegsbebauung und deren Abriss wird das Gründungsviertel in Kürze in Anlehnung an die historische Bebauung wieder hergestellt – zumindest baulich.

Anlass war für die Podiumsdiskussion war der Gedanke des ArchitekturForums, die Zeit zwischen Veröffentlichung der Wettbewerbsergebnisse und der Vergabe der Grundstücke zu nutzen, um mit Experten und Bürgern den von der Stadt Lübeck eingeschlagenen Weg zu betrachten und zu diskutieren - bevor gebaut wird.

Dabei standen u.a. folgende Fragen im Raum:
Können die Wünsche nach einen lebendigen, gemischten Altstadtquartier auch erfüllt werden? Wieviel Normalität braucht dieser Ort, wieviel „Historismus“? Wie bekommt man ein ausgewogenes Verhältnis zwischen besonderen und „normalen“ Häusern hin?
Reichen die Vergabevorgaben der Stadt aus um angestrebte Ziele zu erreichen?
Wie gelingt eine Konvention zwischen Bauherren, Architekten und Stadt, die dem Ziel eines gelungenen Stadtviertels gerecht wird? Wie erreicht man ein Bewusstsein für Nachbarschaft? Welchen Einfluss haben Höchstpreisgebote auf Gestaltung und Nutzung? 

Das Podium war sich einig: Architekturqualität muss gesichert werden.
Offen blieb, wie das zu realisieren sei. Kann die Bauverwaltung die angestrebte Qualtät in „normalen“ Bauantragsverfahren sichern? Schafft der Gestaltungsbeitrat die Bearbeitung der zu erwartenden Fülle von Bauanträge in kurzer Zeit? Oder ist ein zusätzliches Gremium zu installieren, dass die Qualität bis ins Detail prüft und sichert?
Die Podiumsteilnehmer schienen hier Bedenken und Ängste zu haben, dass die Architekturqualität im Detail ohne zusätzliche Prüfung oder fachliche Beratung nicht gewährleistet wird. Die Definition, was denn „qualitätvolle Architektur“ sei, blieb dagegen offen. Gleichzeitig war man sich aber auch einig, dass „normale“ Architektur wichtiger sei als ein Feuerwerk von vielen architektonischen Besonderheiten. Der Verweis auf den Neubau des Ulrich-Gabler-Hauses führt hier sicherlich in die richtige Richtung.

Herr Helwig berichtete von seinen Erfahrungen bei der IBA Hamburg Wilhemsburg und empfahl den Verantwortlichen der Stadt dringend die Einrichtung eines Quartiersmanagements, das die Organisation vieler vermutlich gleichzeitiger Baustellen und deren Abstimmung übernimmt.

Bausenator Boden berichtete ausführlich über das geplante Verfahren der Vergabe der Grundstücke. Hier sollen neben dem reinen Höchstgebot auch soziale oder konzeptionelle Kriterien gelten – z.B. für Baugemeinschaften oder Nutzungsmischungen.
Wie diese Kriterien im Detail zu Verkaufsentscheidungen führen sollen, blieb noch offen. Die Kriterien wird die Stadt in Kürze veröffentlichen.

Einiges Erstaunen rief die Aussage Herrn Bodens hervor, dass „Rekonstruktionen“ von historischen Bauten im Gründungsviertel  zugelassen seien. Hier hatten viele der Zuhörer auch anderslautende Aussagen des Senators aus früheren Veranstaltungen im Gedächtnis.

Einen interessanten Schwerpunkt der Diskussion bildete die Nutzung der Erdgeschosse.
Alle Diskutanten und Zuhörer waren sich offenbar einig, dass die Nutzung der Erdgeschosse durch Läden, Büros oder Gastronomie ein wesentlicher Garant für die angestrebte Lebendigkeit des Quartiers ist. Wie dies zu gewährleisten sein soll, wurde vom Bausenator nicht benannt – die Sensibilität und Bedeutung des Themas wurde aber deutlich und wird sicher künftig genauer beachtet.

Im Rahmen der Diskussion mit den Zuhörern sind zwei Punkte hervorzuheben:

Ein Thema war die Frage nach der sozialen Durchmischung: Ist in dem Quartier eine Gentrifizierung zu erwarten? Der Journalist Jürgen Tietz beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja – letztendlich wird der hohe Grundstückspreis die Bewohnerschaft und die soziale Durchmischung bestimmen. Auch hier wird die Bedeutung der Erdgeschosse wieder relevant.

Die Frage nach der Krummen Querstraße, die im Rahmen der städtebaulichen Planung nicht wiederhergestellt wird, bewegt offenbar noch immer einige Gemüter. Bausenator und Podium versuchten, das Thema zu erläutern. Letztendlich wurde aber konstatiert: Mehrheiten sind manchmal einfach zu akzeptieren... Eine Wiederherstellung der Krummen Querstraße fand diese Mehrheit in dem langjährigen Verfahren offenbar nicht.

Das ArchitekturForum Lübeck bedankt sich bei den Podiumsteilnehmern, dem Moderator Volker Zahn, dem Bausenator Boden für seine Ausführungen und vor allem bei den ca. 130 (?) interessierten Besuchern.

Den künftig bauenden Architekten möchte man mit auf den Weg geben:

»Baust du einen Weg, ein Haus, ein Quartier, dann denke an die Stadt! «
(Luigi Snozzi, 1973)


Text: Jörn Simonsen


Weitere Texte zum Thema:

Baunetz-Bericht zum Wettbewerb


Artikel des Podiumsteilnehmers Jürgen Dietz in der Deutschen Bauzeitung