Teilnahme Fachexkursion nach Bremen und Groningen

Bericht des ArchitekturForumLübeck von der Fachexkursion „Übergangsweise on Tour“ 2023

Vom 13. bis 15. Dezember 2023 haben Mitglieder des Vorstands des ArchitekturForumLübeck an einer von der Hansestadt Lübeck initiierten Fachexkursion zum Thema Innenstadtentwicklung teilgenommen. Gemeinsam mit einer Delegation von Vertreterinnen und Vertretern der Verwaltung und der lokalen Politik sowie Stakeholdern aus der Stadtgesellschaft ging es zunächst nach Bremen und dann weiter nach Groningen in den Niederlanden. Die sehr gut organisierte und kuratierte Reise mit dem Titel „Übergangsweise on Tour“ hatte zum Ziel, den Blick zu weiten und im Dialog mit Akteuren vor Ort zu erfahren, wie andere Städte den Wandel ihrer Zentren meistern.
Sowohl in Bremen als auch in Groningen war zu spüren, dass unsere Gastgeber dem Austausch der Ideen und Erfahrungen einen hohen Stellenwert eingeräumt und uns hochkarätig empfangen haben. Die Akteure haben erkannt, dass das Teilen von Wissen alle gleichermaßen voranbringt und setzen daher auch auf Kooperation und Erfahrungsaustausch mit weiteren Kommunen. Für einen weitergehenden Austausch mit Lübeck wurden Gegenbesuche bereits vereinbart oder im Rahmen der Exkursion anvisiert.

Der Besuch in Bremen war gegliedert in Impulsvorträge von Vertreterinnen und Vertretern der Stadt zu den sich aus der erforderlichen Transformation ergebenen Herausforderungen und Herangehensweisen sowie sich anschließende thematische Stadtspaziergänge. Den Abschluss bildete ein Besuch im Bremer Zentrum für Baukultur - eine dem ArchitekturForumLübeck verwandten Initiative.
Im Dialog wurde deutlich: Bremen ist nicht gleich Lübeck - dennoch sind die für die Innenstadt zu bewältigenden Themen vielfach vergleichbar und übertragbar. Durch das sehr straffe und dichte Programm war trotz der recht kurzen zur Verfügung stehenden Zeit ein intensiver Austausch möglich - sowohl über erfolgreiche Ideen und Konzepte als auch über die Projekte, die die Erwartungen auf dem Weg zu einer neuen Lebendigkeit der Innenstadt nicht erfüllen konnten.

Auch in Groningen stand der Austausch mit lokalen Akteuren und Vertretern der Stadt auf dem Programm. Schnell wurde wieder einmal deutlich: die niederländischen Städte scheinen uns auf dem Weg zur lebenswerten Stadt immer zwei Schritte voraus zu sein. Eine nahezu autofreie, fahrrad- und fußgängerfreundliche Innenstadt aus der kürzlich in engem Diskurs mit den Bürgern sogar die Busse an den Rand der Altstadt verbannt wurden, macht vor, wie menschengerechte Gestaltung Lebendigkeit und ein hohes Maß an Lebenswertigkeit schaffen kann. Gleichermaßen wurde im Dialog auch deutlich, dass auch das vermeintliche „Paradies“ mit transformativen Herausforderungen zu kämpfen hat, für die Lösungen gesucht und gefunden werden müssen.
Besonders beeindruckend war der Besuch im 2019 eröffneten Groninger „Forum“. Das für die Bürger offene und in weiten Teilen nichtkommerzielle kulturelle Zentrum bildet einen universellen Ort der Begegnung, Unterhaltung und Bildung und vereint verschiedene Einrichtungen unter einem Dach.

Der Blick in die Statistik untermauert die subjektive Wahrnehmung vor Ort: die Groninger Altstadt ist durch einen sehr hohen Anteil an Wohnen geprägt (ca. 17.000 Bewohner), was signifikant zur Belebung beiträgt. In Bremen hat durch die City-Bildung ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein starker Strukturwandel der Innenstadt stattgefunden - hier leben heute lediglich noch etwa 3.400 Einwohner.

Im Folgenden fassen wir die wesentlichen Themen, die wir aus stadt- und baukultureller Sicht als essentielle Bausteine für eine funktionierende und lebendige Innenstadt von der Exkursion mit in die Heimat nach Lübeck genommen haben, in Kürze zusammen:

Lübeck hat gute Voraussetzungen, die Transformation zu meistern
Der auf der Exkursion erlebte Eindruck unterschiedlicher Stadt- und Nutzungsstrukturen hat deutlich aufgezeigt: Lübeck hat bereits heute gute Voraussetzungen für die Zukunft der Innenstadt! In weiten Teilen der Altstadt ist die historisch kleinteilige, parzellierte Struktur noch erhalten. Dort wo großmaßstäbliche Strukturen vorhanden sind, beziehen sich auch diese weitgehend auf den historischen Block, wodurch beispielsweise ein (Teil-) Rückbau auf resiliente Nutzungsgrößen mit verhältnismäßigen Eingriffen möglich erscheint.
Zudem weist auch die Lübecker Altstadt - ähnlich wie in Groningen - einen sehr hohen Anteil an Wohnnutzung (ca. 14.000 Bewohner) und darüber hinaus eine sehr vielfältige Nutzungsdurchmischung auf.

Projektentwicklung / Transformation selbst und proaktiv in die Hand nehmen
In Bremen und Groningen haben wir gelernt: Politik und Verwaltung müssen bereit und in der Lage sein, die erforderlichen Wandlungsprozesse proaktiv - also immer einen Schritt voraus - anzustoßen und langfristig zu begleiten. Dies bedingt die Schaffung von erforderlichen Strukturen, eine klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten sowie gemeinschaftliches Handeln. Zudem ist für eine breite Akzeptanz die Integration der Gesellschaft in die Transformationsprozesse (beispielsweise über Beteiligungsformate, einen Bürgerrat und/oder einen Beirat Fachöffentlichkeit) unabdingbar. Es gilt Transparenz und Mitverantwortung zu schaffen.
Eine große Aufgabe, vor der alle Städte gleichermaßen stehen, ist die Umwandlung von Großimmobilien wie in Lübeck der verschiedenen Karstadt-Häuser. Diese gilt es nachhaltig zu betrachten und langfristig resilient zu gestalten, indem flexible Nutzungsgrößen und -strukturen geschaffen und ermöglicht werden.
Der von der Stadt Lübeck angegangene geplante Umbau des „Haus B“ mit einem vielfältigen Mixed-use-Konzept ist ein begrüßenswerter, guter Anfang. Wie das „Forum“ in Groningen jedoch klar zeigt, entsteht ein echter Mehrwert für Alle vor allem durch die Schaffung eines bedingungslos offenen und durch vielfältige Nutzungen geprägten Ortes. Wichtig ist hierbei zudem, nicht nur die Nutzung(en) selbst in den Blick zu nehmen, sondern für eine nachhaltige Belebung des Ortes gleichermaßen die Interaktion mit dem angrenzenden Öffentlichen Stadtraum.
 
Zwischennutzungen als Baustein zur Transformation
Zwischennutzungen können nicht nur temporär beleben, sondern auch zu langfristigen Entwicklungsperspektiven führen. Die Hansestadt Lübeck ist mit dem Projekt „Übergangsweise“, das im Dialog mit Eigentümern temporäre Nutzungen in Leerständen fördern soll, auf einem guten Weg, den es auszubauen gilt. Wichtig ist hierbei allerdings eine enge Beteiligung der Fachbehörden - insbesondere und unabdingbar eine enge Begleitung der Prozesse durch die Bauordnung.

Öffentliche Räume gestalten und gerecht verteilen
Die Gestaltung der Freiräume stellt einen wesentlichen Faktor für die Aufenthaltsqualität und somit für die Attraktivität in der Innenstadt dar! Dass Öffentlicher Raum und Innenstadtentwicklung zusammen gedacht werden müssen, hat insbesondere Groningen erkannt und verbessert die Qualität der Freiflächen in der Altstadt konsequent und im großen Maßstab. Hieraus kann Lübeck lernen und den Öffentlichen Raum der Stadt – einschließlich der Blau- und Grünräume wie den Wallanlagen – ganzheitlich und konsequent angehen und zu qualitativ wertvollen Freiräumen für die Menschen wandeln. So wird die Attraktivität der Innenstadt erhöht.
In Groningen war erlebbar, wie eine veränderte Flächenverteilung für die einzelnen Verkehrsteilnehmer unter deutlicher Priorisierung der Fußgänger und Radfahrer eine lebendigere und lebenswertere Stadt erzeugt. Die herausragende Fahrradinfrastruktur - insbesondere im Altstadtumfeld - ermöglicht Allen sicheres und komfortables Radfahren und macht das „Fiets“ zum Hauptverkehrsmittel. Erstaunlicherweise funktioniert die gemischte Nutzung der Straßenräume von Fußgängern und Radfahrern (Fußgänger haben Vorrecht) innerhalb der Altstadt tadellos. Den Bussen wird eine geringere Priorität eingeräumt und die Altstadt wird - zugunsten eines sichereren Freiraums - nicht mehr von Bussen durchquert. Der Lebendigkeit der Innenstadt war dies nicht abträglich - im Gegenteil, denn Leerstand findet sich in der Altstadt kaum.
Das Groninger Vorbild zeigt, dass ein langfristiges Ziel und ein Schritt für Schritt konsequent umgesetzter Masterplan mit klarem Zeitplan große Erfolge verzeichnen kann. Für Lübeck lässt sich hieraus schließen, dass Freiraum-Qualität und menschengerechte Gestaltung einen großen Mehrwert schaffen!

Universelle Orte ohne Konsumzwang schaffen
Das Groninger „Forum“ zeigt eindrücklich auf, wie bereichernd ein universeller Ort für eine Stadt sein kann und wie gut dieser von einem breiten Spektrum der Gesellschaft von Jung bis Alt angenommen wird. Auch anderenorts - wie beispielsweise mit dem „Dokk1“ in Aarhus - gibt es vergleichbare Orte, die einen hohen kulturellen und gesellschaftlichen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadt schaffen.
Es muss sicherlich nicht zwingend in den den Maßstäben des „Forums“ oder des „Dokk1“ gedacht werden – in der Sache aber sollten wir uns in Lübeck unbedingt etwas abgucken! Das „Forum“ in Groningen zeigt klar auf, wie eine Bibliothek als „Dritter Ort“ alle weiteren öffentlichen Angebote (Diskussionsort, Aufenthaltsbereiche, Arthousekino, Ausstellungen etc.) miteinander verbinden und verweben kann und so einen großartige Bildungs- und Kulturlandschaft unter einem Dach gebildet wird. Groningen hat erkannt, dass es Orte für Alle und Aufenthaltsmöglichkeiten ohne Konsumzwang braucht - und dass diese in den Stadtraum ausstrahlen und diesen unmittelbar beleben.

Hochschule(n) in die Innenstadt
Hochschulen stellen nicht nur Räume der Wissenschaft und Kultur dar, sondern darüber hinaus Orte der Lebendigkeit. Diese strahlen sie in den Stadtraum aus und bereichern so das Leben Aller. In Bremen hat man erkannt, dass die Hochschule ein wichtiger Baustein zur Transformation der Innenstadt sein kann und wandelt das ehemalige Nord/LB-Gebäude inmitten der Stadt in den Fachbereich Rechtswissenschaften mit insgesamt 160 Beschäftigten und rund 1500 Studierenden um.
In Lübeck haben wir das Glück, insbesondere mit der Musikhochschule Akteure der Hochschulbildung bereits in der Altstadt verankert zu haben. Die weiteren in Lübeck beheimateten Hochschulen bieten jedoch darüber hinausgehend bedeutende Potentiale, einzelne Fachbereiche - ob bestehende oder neue - in der Innenstadt anzusiedeln und somit ein ergänzender Motor am Standort zu sein.

Stadtdialog braucht einen Ort
In Bremen haben wir mit dem Bremer Zentrum für Baukultur einen Ort besucht, an dem baukulturelle Themen diskutiert und vermittelt werden und der als sichtbarer Baustein im Stadtraum wirkt. In Groningen haben wir gesehen, welche Anziehungskraft das Stadtmodell im „Forum“ ausstrahlt und wie anhand dessen Informationen über Stadtentwicklungsprozesse niederschwellig und transparent vermittelt werden können. Beides zeigt: Stadtdialog braucht einen Ort und befördert die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt.

Experimentieren und Mut haben
Sowohl in Bremen als auch in Groningen haben wir gelernt: man muss Mut haben und experimentieren. Niemand hat das allgemein gültige, absolute Rezept für die Transformation unserer Innenstädte. Wir müssen Fehler zulassen, diese offen kommunizieren und gemeinsam daraus lernen.

 

» Informationen zum Projekt "Übergangsweise" der Hansestadt Lübeck