Appell für den Erhalt eines Kreisverkehrs als qualitätsvollen Stadtraum im Kontext des Welterbes
Anlässlich der anstehenden politischen Beschlüssen zur Neugestaltung des Mühlentorplatzes haben die Regionalgruppe des BDA und das ArchitekturForumLübeck einen gemeinsam getragenen Offenen Brief
verfasst, der an die politischen Entscheider:innen sowie an Vertreter:innen der Lübecker Stadtverwaltung verteilt wurde:
Mit großem Interesse haben wir in den letzten Jahren die Diskussionen um eine Neugestaltung des Mühlentorplatzes verfolgt.
Nun soll in einer Sitzung des Bauausschusses am 16. Februar darüber entschieden werden, wie dieser Platz in Zukunft aussehen wird. Zur Abstimmung sollen zehn unterschiedliche Varianten stehen,
die von der Verwaltung unter rein verkehrlichen und sicherheitstechnischen Gesichtspunkten entwickelt wurden. Die Presse berichtet dazu, dass zumindest ein Teil der Bauausschussmitglieder sich
noch nicht sicher sei, wie sie abstimmen werden.
Wir als Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner sowie an der baulichen Entwicklung Lübecks interessierte Bürger, kennen die Planungen nur in groben Zügen, so dass wir hier nicht die eine oder
andere Variante empfehlen können und wollen. Dennoch können wir hier nicht schweigen:
Wir sehen es als unsere Pflicht an, auf die bedeutende, aber bisher scheinbar nicht beachteten städtebaulichen Aspekte einer Neugestaltung hinzuweisen.
Dazu ein kurzer Exkurs zu Lübecks Stadteingängen: Die historische ummauerte Stadt hatte vier Eingänge, die durch mehr oder weniger große, immer aber repräsentative Stadttoranlagen gebildet
wurden. Diese Anlagen hatten militärische, rechtliche, fiskalische und verkehrliche Bedeutung, darüber hinaus aber waren sie auch Orte der Repräsentanz und Selbstdarstellung einer stolzen
Stadtgesellschaft. Mit dem Schleifen der Stadtmauern und -tore gingen diese Bedeutungen in fast allen europäischen Städten verloren, selbst dort, wo wie in Lübeck einzelne Tore stehen blieben,
reduzierte sich deren Funktion auf eine kollektive Erinnerung und einen kollektiven Stolz auf eine andere, längst vergangene Zeit. Geblieben sind allerdings die Knotenpunktfunktionen der Plätze
vor den Eingängen. Deren städtebauliche Bedeutung ist in Lübeck aufgrund der Insellage der Altstadt größer als in anderen Städten. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Alle Knoten sind (mit
Ausnahme des untergeordneten vor dem Hüxtertor) Kreisverkehre. Die Intention der damaligen Planer kennen wir nicht, sie spielt hier auch keine Rolle - das Ergebnis aber ist eindeutig: Entstanden
sind Orte besonderer städtebaulicher Qualität mit hohem Wiedererkennungswert, ja man kann sagen: Trotz der vornehmlich verkehrlichen Funktion sind Plätze entstanden, die als Orientierungspunkte
im urbanen Kontext fungieren, städtebauliche Zusammenhänge verdeutlichen und die zugleich – man denke nur an die jährlichen Begrünungen – repräsentative Funktionen übernehmen.
Und daher ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass am 16. Februar nicht nur über den Verkehr, sondern vielmehr auch über die Zukunft der städtischen Qualität dieses Ortes abgestimmt wird:
- Bleibt der südliche Eingang in die Stadt ein Identität stiftender Platz, oder wird er zu einer rein funktionalen, austauschbaren Straßenkreuzung, zum Unort?
- Behält der Knoten vor der Mühlentorbrücke seine städtebaulichen Qualitäten oder wird er so etwas wie die Kreuzung Lohmühle / Schwartauer Allee?
Wir, Die Regionalgruppe Lübeck des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten sowie das ArchitekturForum Lübeck, fordern die Mitglieder des Bauausschusses auf:
- Entscheiden Sie sich für eine Platzlösung, entscheiden Sie sich für einen Kreisverkehr als Stadtraum im Kontext des Welterbes!
- Entscheiden Sie sich für einen echten Kreisverkehr und keinen mit angehängten Bypässen oder unterirdischen Verbindungen, die ausschließlich dem Autoverkehr dienen und dafür räumliche Qualitäten zerstören!
- Entscheiden Sie sich gegen eine Ampelkreuzung oder andere technokratische Lösungen, die aus einem repräsentativen Ort einen Unort machen werden!
Die Stadt wird es Ihnen danken.
Lübeck, 9.2.2026
Die Regionalgruppe Lübeck des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten
Das ArchitekturForum Lübeck
